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Leonera – ein argentinischer Film für Kinogänger mit starken Nerven

Diese Woche schauten wir uns das argentinische Drama / Thriller / sozialkritische Filmstudie „Löwenkäfig“ (Original: „Leonera“) an. Der Kinofilm fesselte uns nicht nur über die gesamten ca. 110 Minuten, sondern regte uns auch zu einer langen Diskussion an.

In „Löwenkäfig“ steht die junge Studentin Julia (gespielt von Martina Gusman, der Ehefrau des Regisseurs von „Leonera“ Pablo Trapero) aus Argentinien im Mittelpunkt. Sie erwacht eines Morgens in ihrer Wohnung, übersät von blauen Flecken, Schnitten und getrockneten Blutflecken. Wie im Trance fährt sie noch zur Universität und gesteht sich erst bei der Rückkehr in ihre Wohnung ein, dass in der vergangenen Nacht etwas Schreckliches passiert sein muss: Ihr Freund Nahuel liegt tot am Boden, dessen Liebhaber Ramiro schwer verletzt daneben.
Julia wird festgenommen und muss ins Gefängnis – hier wird sichtbar, dass sie von dem toten Nahuel schwanger ist. Ihre Schwangerschaft bewahrt sie vor einem Aufenthalt im „normalen“ Frauengefängnis, denn sie darf in die Abteilung für junge Mütter. Den Weg dorthin erlebt Julia völlig teilnahmslos, ihr schwaches Aufbegehren gegen das Einschließen in die klaustrophobisch enge Zelle wird von der Wärterin mit einem routinierten „Calmate“ (dt.: „Beruhige dich“)  beantwortet. In ihrem Zellblock freundet sie sich mit der jungen Marta an, die zwei Kinder im Gefängnis groß zieht. Marta beschützt die unsichere und mit der neuen Situation völlig überforderte Julia, verlangt jedoch als Gegenleistung nicht nur Hilfe beim Wäschewaschen, sondern auch Zärtlichkeiten.

Loewenkaefig_scene07In Traperos Werk geht es weniger um die Schuld oder Unschuld von Julia, als um das Beleuchten des Gefängnisalltags und die Frage, wie mit jungen Müttern und deren Kinder im Strafvollzug umgegangen werden sollte. Julia bringt den kleinen Tomás im Gefängnis zur Welt – er wird der Mittelpunkt ihres Lebens „hinter Gittern“. Angsterfüllt verfolgt sie die Verzweiflung der Mütter, denen das Kind weggenommen wird. Ihr wird deutlich gesagt, dass sie Tomás nur bis zu dessen vierten Lebensjahr bei sich behalten darf. Doch Julias Mutter, die bei der Geburt Tomás‘ aus Europa angereist ist, hat andere Pläne mit ihrem Enkel. Als er mit ca. 2 Jahren eine Erkältung bekommt, nimmt sie ihn unter dem Vorwand, ihn von einem Arzt außerhalb des Gefängnisses untersuchen zu lassen, zu sich und bringt ihn nicht zu Julia zurück. Diese ist von Schmerz und Verlustangst überwältigt, kann ihrer Wut und Ohnmacht – umschlossen von Beton und Stahl – jedoch nur in Agressionen Ausdruck verleihen und provoziert einen Aufstand der jungen Mütter. Ihre Verurteilung zu 10 Jahren Gefängnis (nachdem sie bereits 4 Jahre im Gefängnis gelebt hat) erscheint im Bezug auf die Schuldfrage nebensächlich, bedeutet für Julia jedoch eine endgültige Trennung von Tomás.
Das Ende des Films – Julia darf für einen Tag zu ihrem Sohn, der nunmehr bei ihrer Mutter lebt, und flüchtet mit ihm nach Paraguay – versöhnt alle Kinobesucher, die mit der jungen Mutter mitgelitten haben.

Leonera_scene_02Trotzdem befanden wir uns nach der Kinovorführung im Zwiespalt – sollten Kinder bei ihren zu Gefängnisaufenthalten verurteilten Müttern bleiben oder sollten sie vor einem Leben „hinter Gittern“ geschützt werden? Ist die Trennung von Mutter und Kind nach 4 Jahren noch schwieriger als kurz nach der Geburt? Haben verurteilte Schwerverbrecherinnen ein Recht darauf, ihre Kinder bei sich im Gefängnis zu behalten? Tragen die Kinder Schäden von dem Leben auf engstem Raum, wo Gewalt, Verzweiflung und Erniedrigung herrschen, davon? Auch wenn Julias (Un)Schuld nicht im Fokus des Regisseurs lag, diskutierten wir noch lange ihre Rolle und die Rolle von Ramiro bei dem schrecklichen Verbrechen. Nahm die Tragödie ihren Ausgang in einer für Julia demütigenden Dreierbeziehung mit Nahuel und Ramiro? War es ein Unfall, eine geplante Tat oder ein Totschlag im Affekt?

„Löwenkäfig“ ist keine leichte Kost – im Gegenteil. Trotzdem ist der Film als Vertreter des argetinischen Kinos und als realitätsnahes Melodram sehr empfehlenswert.

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