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Über Carlos Fuentes und Octavio Paz: Die Geschichte einer mexikanischen Freundschaft in Briefen

Es war ein besonderer, magischer und ganz sicher intimer Moment, der von vielen Fans der mexikanischen Literatur mit Spannung und Freude erwartet wurde. Letzte Woche wurden nach 19 Jahren die letzten zwei Kisten aus dem persönlichen Archiv des verstorbenen mexikanischen Schriftsteller Carlos Fuentes geöffnet. Darin: 26 Jahre briefliche Korrespondenz zwischen Fuentes und einem weiteren wichtigen mexikanischen Autor, seinem engen Freund Octavio Paz. Die zahlreichen Karten, Briefe und Auschnitte enthüllen intime Details über die beiden Persönlichkeiten und ihre mexikanische Freundschaft.

Carlos Fuentes, der im Mai 2012 im Alter von 83 Jahren verstarb, hatte es explizit so gewollt. 19 Jahre lang sollten also die zwei Kisten mit den Nummern 305 und 306 verschlossen bleiben. Der letzte Tag dieser Frist, die er mit der Universität Princeton vereinbart hatte, ist nun verstrichen. Zwei Mitarbeiter der Universitätsbibliothek, in der sich das persönliche Archiv des Schriftstellers seit 1995 befindet, durften nun am vergangenen 15. Mai – genau zwei Jahre nach seinem Tod – erstmals einen Blick in die intimen Dokumente werfen.

Enthalten sind sowohl Briefe als auch Telegramme und Postkarten, die die beiden Mexikaner über 26 Jahre ausgetauscht haben. Davon sind 61 von Carlos Fuentes an Octavio Paz adressiert, 70 von Paz an Fuentes. Es ist die Dokumentation einer brüderlichen, offenherzigen und bedingungslosen Freundschaft, die, wie sich gezeigt hat, auch erheblichen Einfluss auf das Werk der beiden Schriftsteller gefunden hat. Dass sie nicht nur kreativ, sondern auch ehrlich kritisch und stets respektvoll war, war wohl eines ihrer entscheidendsten Merkmale. Auf die Meinung des anderen legten beide viel Wert – sie schickten Skripte und Entwürfe hin und her, lasen sich gegenseitig und baten einander um Rat. Fuentes‘ Briefe an Paz zeugen von einem tiefen Vertrauen und einer bedingungslosen Offenheit, wenn er z.B. in einer der bewegendsten Karten, die er am 4. September aus Paris nach Delhi schickte, schreibt: „Contigo siento la confianza de ser pendejo, borracho, comemierda“ (4.9.1968). Im gesamten Briefwechsel wird die innige Beziehung und gegenseitige Bewunderung der beiden deutlich.

Dabei war der Briefkontakt, der unmittelbar nach ihrem Kennenlernen 1950 in Paris entstand, zunächst noch ziemlich formell und zurückhaltend. Erst mit der Zeit lassen die Briefe erkennen, dass auch die Beziehung der beiden intensiver und zunehmend persönlicher wurde. Bald vertrauten sie einander nahezu alle Details aus ihrem Leben an und schrieben über Geschehnisse in der Familie genauso wie über ihre größten Sorgen und Ängste sowie zeitgeschichtliche Themen. Besonders intensiv wurde die Freundschaft in den 1960ern – dementsprechend fanden auch beinahe wöchentlich Briefe und Karten ihren Weg zwischen Mexiko, London, Delhi, USA und Paris. Beide sympathisierten damals mit sozialistischen und kommunistischen Idealen und reflexionierten ausgiebig über die wichtigsten sozialen und politischen Themen ihrer Zeit, so etwa über Armut und Autoritarismus, Guerillas, Gewalt oder die Studentenbewegungen der 1960er Jahre.

Beide lebten lange außerhalb Mexikos, Paz in den USA, in Paris und bis 1968 als Botschafter in Indien, und Fuentes, der bereits seine Kindheit in den USA, Argentinien und Chile verbracht hatte, ging in den 1960ern nach Europa und lebte ebenfalls lange in Paris. In der Karte vom 4. September 1968 schreibt Fuentes seinem Freund über den Schmerz, den ihm die große Entfernung zu seiner mexikanischen Heimat zufüge. Dass sich schon etwa einen Monat später ihr Leben diesbezüglich ändern sollte, konnten die beiden nicht ahnen.

Als am 2. Oktober eine friedliche, überwiegend studentische Protestbewegung in Tlatelolco (Mexiko-Stadt) von der Polizei blutig niedergeschlagen wurde und zahlreiche Menschen starben und verschwanden, veranlasste dies sowohl Paz als auch Fuentes zum offenen Protest gegen die mexikanische Regierung: während ersterer seinen Dienst in der mexikanischen Botschaft in Delhi quittierte und nach Mexiko zurückkehrte, um bald darauf die Zeitschrift Plural zu gründen, ging Fuentes ins Exil nach Paris, von wo aus er weiter die PRI-Regierung von Díaz Ordaz attackierte.

Schon in diesen Jahren – unter dem neuen Präsident Luis Echeverría – deutete sich eine zunehmende Distanzierung ihrer vorwiegend politischen Ansichten und Auffassungen an. Paz, der nach dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 mit dem Kommunismus brach, soll im Nachhinein über seinen Freund, der mit Castro und den Sandinisten sympathisierte, gesagt haben, er sei ein großartiger Autor, jedoch nur ein zweitklassiger Politiker. Das endgütlige Zerwürfnis erfolgte 1988, als der Historiker Enrique Krauze in Paz‘ Zeitschrift Vuelta eine kritische Rezension über das literarische Werk von Carlos Fuentes veröffentlichte, welche sogar soweit ging, dessen „Mexikanität“ anzuzweifeln. Dieser richtete daraufhin nie wieder ein Wort an seinen ehemaligen Freund, und die einst so intime und fruchtbare Freundschaft erstarb für immer. Mit dem Tod Paz‘ 1998 erlosch auch die Möglichkeit einer Wiederversöhnung.

Trotz des persönlichen Bruchs ist der Einfluss seines einst hochgeschätzten Freundes in Fuentes‘ Werk erhalten geblieben. Wer sich mit den Werken der beiden wohl bedeutendsten mexikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts befasst, bemerkt, dass sich deren literarische Arbeiten oft zu einem dynamischen, leidenschaftlichen Dialog verbinden. Unter anderem widmete Fuentes Octavio Paz und seiner Frau Marie José seinen Kurzroman Zona sagrada (1967) und veröffentlichte eines seiner Gedichte als Epigraph in einem weiteren Werk. Paz‘ Reaktion auf die besondere Ehre: „Eres generoso como un príncipe afgano“. Er schrieb für Fuentes den Prolog für Cuerpos y ofrendas (1972). Ihre künstlerische und politische Weltanschauung teilten sie bis zuletzt.

 

Die bedeutendsten Werke von Octavio Paz und Carlos Fuentes:

Octavio Paz:

Das Labyrinth der Einsamkeit (El laberinto de la soledad) (1950)

Sonnenstein (Piedra de Sol) (1957)

Sor Juana Ines de la Cruz oder die Fallstricke des Glaubens (Sor Juana Inés de la Cruz o las trampas de la fe) (1982)

 

Carlos Fuentes:

Verhüllte Tage (Los días enmascarados) (1954)

Nichts als das Leben (La muerte de Artemio Cruz) (1962)

Terra Nostra (1975)

 

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