Mexiko Reiseberichte

México – mi amor

Liebe Frau Heinrich,

nun ist es geschafft. Nach den Fotos, die Sie hoffentlich bekommen haben, schicke ich Ihnen jetzt den Bericht. Ich gebe zu, je länger ich daran geschrieben habe, desto mehr ist mir aufgegangen, daß der Hauptadressat eigentlich ich selbst bin. Ich habe über meine früheren Reisen nie geschrieben, aber es ist vielleicht gut, es einmal getan zu haben, um zusätzlich zu den Fotos etwas festgehalten zu haben.
Wenn Ihnen etwas unklar sein sollte, geben Sie mir einfach Bescheid.

Vielen Dank noch einmal an Sie alle, daß Sie uns diese Mexiko Reise vorbereitet haben.
G. Bach.

Es war der gleiche Keulenschlag aus Hitze und Feuchtigkeit wie vor achtzehn Jahren, mit dem uns Cancún empfing. Damals war es ein Julinachmittag gewesen, jetzt hingegen war November, es war nach Mitternacht, und mehr als siebenundzwanzig Stunden Reise lagen hinter uns. Doch, dies war »unser« Mexiko, obwohl … Vor zwei Stunden noch hatte mein Sohn behauptet, er sähe hier nichts Mexikanisches, aber da waren wir noch auf dem Flughafen von D. F., den auch für mich, der ich ihn nicht kannte, kaum etwas von jenem in Paris unterschied. Das Bangen, ob aus der Reise überhaupt noch etwas werden würde, das Hin und Her, die Unbequemlichkeit im Flugzeug – alles vorbei, wir waren da, und das kurze Durcheinander, das sich ergab, weil das Auto ein bißchen später kam, löste sich mit einer cahuama und dem nachfolgenden kurzen Tiefschlaf im »Courtyard Marriot« …

Herrlich, so ein Frühstück in einem mexikanischen Hotel, wenn gerade kein Gedrängel ist und der Fernseher es zuläßt, das man reden kann, ohne brüllen zu müssen: die Eier, in die man sich Bohnenmus und scharfe grüne Soße einrühren kann, die Ananasstücken, der frische Pampelmusensaft – nur der Kaffee, immer noch mit dem kubanischen nicht zu vergleichen … Hier hätte man es aushalten können, aber wir wollten ja weiter: nach Tulum. Die Straße war auch noch »unser Mexiko«, aber sie hatte sich verändert: links ein »Resort« neben dem anderen, im Wechsel mit Baustellen und Reklametafeln. Damals waren wir hier kilometerweit gefahren, ohne etwas anderes zu sehen als diesen ewig gleich hohen, gleich grünen, gleich langweiligen subtropischen Wald. Am Strand hatte man, so weit das Auge reichte, keinen Menschen getroffen. Einmal waren wir an einem beim vorigen huracán völlig zerstörten Waldstück in die abendliche Dämmerung geraten – uns war nicht wohl gewesen in unserer Haut so mutterseelenallein, wie wir waren. Das konnte einem jetzt wohl kaum noch passieren, und als wir in Tulum auch die Karibik wiedersahen, war klar: menschenleere Strände an der »Riviera Maya   « – das gibt es noch, aber nicht mehr lange …

Ausgrabungsstätte von Tulum

Niemand in Tulum kannte das »Xibalbá«. Erst nachdem wir zum x-ten Mal gefragt hatten, fanden wir es, ein kleines ehemaliges Dive Center, nunmehr auch ein Hotel, wo man uns im Hunahpú-Zimmer einquartierte. Die Namen zeigen, daß das deutsche Eigentümerehepaar, das mit seinen zwei Kindern schon lange hier lebt, sich in der Mayamytholgie auskennt: Hunahpú und Xbalanqué, die Heldenzwillinge, besiegen die Herren der Unterwelt, des Xibalbá also, und verwandeln sich am Ende in Sonne und Mond (oder Venus, je nach Forschermeinung). So steht es im »Popol Vuh«, dem heiligen Buch der Quiché-Maya. Auf dem Weg zum Strand, einer schnurgeraden Straße von etwas mehr als drei Kilometer Länge, begriff ich, wie gut die Entscheidung, mir auf die Schnelle einen Hut zu kaufen, gewesen war, auch wenn er zu groß war. Und: daß ich nicht mehr so gut zu Fuß bin, wie ich es noch vor einigen Jahren gewesen war. Ein Taxi nehmen? Kein Problem. Mein Sohn wußte, daß man den Preis vorher aushandelt – die Landessprache war ja weder sein noch mein Problem –, aber an diese »Kleinigkeit« hätte ich nicht gedacht. Es stellte sich heraus, daß wir, aus der Eurozone kommend, in Mexiko unheimlich billig leben können: Die Taxis kosteten bei etwa fünf bis acht Kilometern so um die vierzig oder fünfzig Pesos, also etwa drei Euros. Dann die karibische Küste, der Sand, der unter den Füßen wegrutscht, weiß, das Wasser, das einem immer wieder die Füße lecken will, und hinter der übernächsten Biegung die Silhouette des castillo des alten Tulum … Dort waren viele Menschen unterwegs, Gruppen, die ihren Reiseführern folgten und alle die Regel, die mir mein Sohn erst beibringen mußte, schon beherzigten: Sie tranken unentwegt Wasser. Daß ich daran nicht gedacht hatte, wäre mir beinahe zum Verhängnis geworden. Ich setzte mich auf eine Treppe, die zum castillo führte und ließ den genius loci auf mich wirken. Will sagen: Ich muß nicht auf jeden Tempel steigen, jede Schautafel lesen, jedes Ausstellungsstück von links, rechts und vielleicht noch von hinten begutachtet haben – ich weiß, ich bin in Tulum, der einzigen Mayastadt an der karibischen Küste. Keine Stele, wo man Long-Count-, Tzolkin- oder Haab-Angaben finden könnte – und ich bin trotzdem glücklich, obwohl mein Kreislauf das völlig anders sieht. Mir ist noch ein bißchen schwindlig, und ich denke: Was war hier früher? Wer landete in der Bucht vor dem Korallenriff? Nur die einheimischen Fischer? Oder auch die Kariben, die Waren von den Inseln im Osten oder dem Festland im Südosten zum Tausch hierher brachten? Aber die »falschen«, die Krag-Gewölbe gibt es auch hier, wie in allen Maya-Städten. Die Mayas kannten einfach den Schlußstein nicht … Auch im Xibalbá wären wir gern geblieben, zumal uns der Koch am zweiten Morgen versichert hatte: »Les puse algunos huevos más«, nachdem wir am Tag vorher jeder eine zweite Portion bestellt hatten …

Basilika von Guadalupe

Aber wir hatten noch Mexiko-Stadt vor uns, mit Erkundungen jeweils nach Teotihuacan und Tula: Ciudad de México, México D. F., capital de la República. Wieder dieser Flughafen, der so unmexikanisch war, daß er auch in den Tschad oder nach Thailand hätte gehören können, wenn man mal nur die geographische Breite nimmt, aber dort gibt es wahrscheinlich keine so großen. Schon die Fahrt zum »Holiday Inn« am Zócalo machte klar, wo wir waren – in der zweitgrößten Metropolenregion der Welt mit all ihren Gebrechen: stockender Verkehr, Abgase, Lärm. Gleich am ersten Abend fanden wir unsere »Stammkneipe«: die »Lonchería Anita« in der Motolinia, einer Fußgängerstraße, wo es wunderbare huaraches, sopes und tortas gab, wo uns die Kellnerin bereits am dritten Tag, ohne gefragt zu haben, zwei Victorias hinstellte und wo auf den Fernsehern an der Wand immerzu irgendwelche Amischinken liefen. Manchmal kam einer herein, der zur Gitarre sang – einmal sogar ein Lied von Silvio Rodríguez, dem anerkanntermaßen besten lebenden Liedermacher Lateinamerikas, Kubaner übrigens –, und ganz diebisch freute sich unsere Kellnerin, als wir zugeben mußten – man sah es wahrscheinlich unseren schweißnassen Stirnen an –, daß die Chilisoße uns nun doch zugesetzt hatte. Ja, Motolinia und Juan Diego …Von dem einen wissen wahrscheinlich nur wenige Mexikaner, daß es der aztekische Name eines Franziskaners ist – defensor de los derechos de los indígenas – und so etwas wie »Ärmster« bedeutet, und der andere, heiliggesprochen von einem polnischen Papst, wo doch niemand weiß, ob er überhaupt gelebt hat. Ihm soll die Virgen de Guadalupe erschienen sein, und wir sind an einem Sonntag dort gewesen, wo die katholische Kirche jeden, der möchte, an ihrem (wundertätigen) Bild vorüberfahren läßt, und sind im Schweiße unseres Angesichts mit den vielen Wundergläubigen (oder auch einfachen Schaulustigen) bis zur höchsten Kapelle hinaufgestiegen. Die eigentliche Marienerscheinung soll sich ganz unten zugetragen haben, dort wo sich die heute abkippende und deshalb gesperrte alte Basilika befindet und wo – natürlich ganz zufällig – vorher ein Heiligtum der Tonantzin, einer vielgestaltigen aztekischen Göttin, stand.

Platz der drei Kulturen

Aber soweit waren wir eigentlich noch nicht. Am ersten Morgen wollten wir zum Platz der drei Kulturen, zum Markt von Tlatelolco, dem anderen Teil der Doppelstadt Tenochtitlan-Tlateloco, wo die letzte Schlacht zwischen den Spaniern und den Mexica-Verteidigern unter Cuauhtemoc stattgefunden hatte. Hier steht auch der Satz – ich habe mir weder ihn aufgeschrieben, noch von wem er ist –, daß sich hier weder Sieg noch Niederlage zugetragen habe, weil nämlich daraus etwas Neues entstanden sei – die mexikanische Nation. Mögen die Mexikaner das so sehen, ich bin da durchaus unversöhnlich …

Der Weg vom Zócalo zur Plaza de las Tres Culturas ging eigentlich stur geradeaus. Irgendwann kam eine Kirche, die ich noch fotografierte, aber das ließ ich bald, es waren zu viele. Dann kamen – wenige hundert Meter vom Regierungspalast entfernt – Straßen, wo es noch so etwas Ähnliches wie Marktstrukturen gab. Nur daß eigentlich nichts mehr da war, was gehandelt wurde. Und daß auch die Häuser dahinter keine Häuser mehr waren, sondern Ruinen, nicht von einem Erdbeben getroffen, sondern einfach nur zerfallen. Daß die Menschen, die sich hier bewegten, nicht mehr aussahen, wie wenn sie noch etwas Sinnvolles täten. Ihre Kleidung war zerlumpt, wenn sie den Mund aufmachten, sah man, daß ihnen Zähne fehlten, und sie schlichen mehr, als daß sie gingen. Und die Hochhäuser am Paseo de la Reforma mit den Namen von Bundesstaaten, wo man den Fenstern ansah, daß da kaum noch jemand wohnte – nein, Mexiko-Stadt ist großartig, aber es ist auch schrecklich …

Dann Teotihuacan. Auf der Mondpyramide hatten wir beide noch einmal stehen wollen, wir waren beide schon hiergewesen, aber diese wahrscheinlich größte Stadt des alten Amerika, zu ihrer Zeit wohl sogar der ganzen Welt, läßt keinen, der einmal auf ihre Ruinen hinabgesehen hat, so leicht wieder los. In meinem Wohnzimmer gibt es ein Panaramafoto von Teotihuacan. Auch wenn dieses Foto schon über ein Jahr dort hängt, stehe ich immer mal wieder davor und sehe von der Mondpyramide herab auf die Straße der Toten, links die Sonnenpyramide und dahinter der Cerro Gordo. Auch in der Wohnung meines Sohnes gibt es ein ähnliches Foto. Natürlich stiegen wir auf die Mondpyramide (auch wenn meine Wirbelsäule bei jedem Schritt hinauf – und erst recht hinab – laut aufheulte) und stellten uns vor, wie das alles vor uns wohl ausgesehen haben mochte, als die Stadt noch bewohnt und nicht von ihren Einwohnern angezündet worden war. Und natürlich war der Zugang zu der neu entdeckten Höhle unter der Sonnenpyramide nicht zugänglich. Wo doch gerade hier das wohl größte Geheimnis der modernen Archäologie Altamerikas kurz vor seiner Offenlegung steht.

Tula

Und schließlich Tula. Hier waren wir beide noch nicht gewesen. Es schien, als ob auch sonst kaum jemand herkäme. Dabei war Tollan-Xicocotitlan der Hauptort der Tolteken gewesen, und auf die haben sich die Mexica wie die späten Maya als ihre kulturellen Ahnen immer wieder bezogen. Hier soll Eins Rohr Unser verehrter Fürst Quetzalcoatl (»Gefiederte Schlange«) – bärtig und weißhäutig –, gelebt haben, ehe er in Richtung Osten verschwand und ankündigte, eines Tages wiederzukehren. Daß aber Motecuhzoma Cortés und seinen Mörderhaufen für Quetzalcoatl und sein Gefolge gehalten hat, ist eher ein Mythos, von den Eroberern in die Welt gesetzt.

Wie gesagt, das alte Tollan scheint ein vergessener Ort. Die heutige Stadt Tula de Allende liegt unmittelbar daneben, und im colectivo ist der Fahrer durchaus so freundlich, uns geschichtshungrige Touristen darauf hinzuweisen, wo wir aussteigen müssen – wir hätten es sonst auch kaum mitbekommen –, aber außer ein paar unentwegten Souvenirverkäufern ist da niemand, der einen auf dem Weg zu den atlantes begleitet. Jemand, der eine Art Schamane zu sein scheint, sitzt vor    der Pyramide B und vollzieht Rituale, aber sonst sind außer uns nur noch zwei oder drei Menschen auf dem Gelände. Hier gibt es nicht viel. Die Atlanten stützen Dächer, die nicht mehr da sind, auf den umlaufenden Steinreliefs wechseln Menschenherzen verzehrende Schlangen, Adler und Jaguare einander ab, und die beiden ausgegrabenen Ballspielplätze belegen, wie wichtig das Spiel den alten Mesoamerikanern war. Hier ist man allein. Nur Agaven und Kakteen stehen rechts und links des spärlich ausgeschilderten Weges zu den Altertümern. Mexiko schweigt. Was war mit Quetzalcoatl? Gab es ihn? Woher kamen die Tolteken? Wohin gingen sie, als ihre Zeit vorbei war und hier wie in ganz Mesoamerika Brandspuren darauf hinweisen, daß die jeweiligen Bewohner ihre Stadt einäscherten?

Die Rückfahrt nach Mexiko-Stadt ist beschwerlich. Irgendeine Substanz verursacht ein unsägliches Brennen in meinen Augen, so daß ich sie erst wieder öffnen kann, als wir schon in D. F. sind. Die Fahrt zu »Autobuses Norte«, von wo wir mit der U-Bahn (drei Pesos und man kann so lange fahren, wie man möchte, sauna y masaje gratis) zurück zum Zócalo müssen, dauert noch fast eine Stunde, und es geht die ganze Zeit durch städtisches Gebiet, mal verfallen, mal intakt.

Zum Schluß noch der Templo Mayor. Sich vorzustellen, wie hoch der mit seinen sieben Überbauungen war und wie gewaltig er auf uns wirken würde, gäbe es ihn noch, gerät fast in den Hintergrund, weil wir uns bald darüber einig werden, daß mehrere Explosionszeichnungen, wonach der Tempel des Quetzalcoatl unter der Catedral Metropolitana zu finden sei, nicht stimmen können – eine wissenschaftliche Diskussion zwischen zwei Hobbyaltamerikanisten, die zufällig Vater und Sohn sind.

Adiós México – es geht zum Flughafen. Der Fahrer klagt unentwegt sein Leid über den Verkehr. Als wir ihm erzählen, wir seien auch in Armenvierteln der Stadt gewesen, sagt er: »Es gibt Gegenden, in die nicht einmal ich als jemand, der immer hier gewohnt hat, mich hineintraue.«

O ja, Ciudad de México ist ein Moloch, doch es ist eine wunderbare Stadt, die es nicht lassen kann, uns zum Abschied aus Anlaß des Bicentenario eine beeindruckende Multimediashow auf dem Zócalo zu bieten. Wir haben Logenplätze, dieselben, von denen wir jeden Morgen herauszufinden versucht haben, ob wir den Rauch des Popocatepetl sehen könnten, und ob die Weiße Frau, die er bewacht, durch den Smog des Valle de México überhaupt noch wahrzunehmen sei. Es sind Stehplätze, aber, von der Bar im sechsten Stock unseres Hotels herab, wer könnte bessere haben?

O ja, Mexiko ist ein wunderbares Land, und es ist ein schreckliches Land. Adiós, México? Vielleicht doch besser: Hasta luego – por doquier que sea?

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